marlon hoffstadt
 

Eine Nacht im Flugmodus

„Es ist toll dass sich alle nur auf die Musik konzentrieren und nicht immer an ihrem Handy hängen.“

 

Nichts zerstört auf einer Party mehr die Stimmung als ein Haufen leuchtende Smartphones die auf den DJ gerichtet sind. Facebook-Standorte und Instagram-Stories werden geteilt, jeder hat die Zeit seines Lebens. - Allerdings nur im Internet. Neben den Lautsprechern steht gefährlich nah ein besonders Musikinteressierter. Er wartet auf die Liederkennung von Shazam. Hinten rechts steht jemand an der Bar, er bemustert seine Umgebung. - Allerdings auf Tinder. Der halbe Club ist damit beschäftig zwanghaft die eigene virtuelle Identität aufzumotzen.

Waren Clubs und verschwitzte Partynächte nicht einst ein Rückzugsort um dem Alltag zu entfliegen? Ein Ort zum Tanzen, Musik hören und um Gleichgesinnte kennen zu lernen? Das behauptet auf jeden Fall die neue Veranstaltungsreihe Savour The Moment, die letzten Samstag den 24.02.2018 ihr Debüt in dem Berliner Szeneclub Salon zur Wilden Renate gefeiert hat.


„This party is best enjoyed without the use of facebook, instagram, twitter or any other brain manipulator. stay present, dance, talk, laugh, embrace, kiss and love.“, so steht es auf den Plakaten von Savour The Moment.

 
 
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Das Event steht ein für eine smartphone-freie Zone in der bewusst gefeiert wird. Es soll eine Plattform entstehen, die eine aufmerksame Atmosphäre für Musiker und Gäste bietet, in der sich alle untereinander austauschen und einzigartige Momente miteinander teilen können.Tanzt, lacht, umarmt, küsst und liebt euch! Und all das ohne euer Smartphone in der Hand zu haben oder einen Gedanken daran zu verschwenden. Eine einfache Aufgabe sollte man meinen, oder etwa doch nicht?

Es ist 23:59, der Einlass beginnt und neben der Kasse steht schon ein großer muskulöser Türsteher bereit, der vor dem Betreten des Clubgeländes die Kameras der Smartphones abklebt. Reichlich übertrieben? Das findet hier in Berlin schon längst keiner mehr. Eine strickteNo Photo Policy gibt es in den meisten Clubs in Berlin schon seit einigen Jahren. Im Club füllt sich langsam die untere Bar und die ersten Gäste bereiten sich auf eine lange Nacht vor. An dem Eingang des Salons zur Wilden Renate in der Alte-Stralau 70, stehen fünf Minuten später schon um die 150 Gäste vor der Tür. Eine Stunde später hat sich die Schlange verdoppelt und reicht ungefähr 200 Meter um den ganzen Block. Ab zwei Uhr findet man vom kleinen und verspielt gestalteten Absinth Raum bis hin zum mit Techno Musik beschallten Schwarzen Floor im Erdgeschoss keinen freien Fleck mehr auf dem nicht ausgiebig getanzt wird.


Kein Wunder, denn neben dem von vorne bis hinten durchdachten No Smartphones Konzept haben die Veranstalter auch mehrere namenhafte Künstler aus mehr als vier Ländern eingeladen.

Im Erdgeschoss verwandelt die Dänin Solid Blake, von dem reinen Frauen Kollektiv Apeiron Crew, den Schwarzen Floor mit ihren typischen Break-Beats und Techno Sounds in eine Sauna voller Schweiss und nackter Haut.

Im Obergeschoss hingegen fliessen fünfhundert Beine durch ein Labyrinth aus Rauch und Lasern. Hier findet man eine Mischung aus House, Disco und Funk. Ganz vorne mit dabei die mexikanische DurchstarterinLokier und die zwei Brüder Central und DJ Sports die extra aus Dänemark anreisen. Während Lokier eher Richtung French-Electro und im „The Hacker“ style spielt, übernimmt das Geschwister Duo nach ihr die Tanzfläche des Roten Floors unter dem Motto „back to the oldschool“. Fünf Stunden der feinsten Selektion aus 90er und 2000er House Platten. An der Decke spiegeln sich duzende kleine Discokugeln im Licht der Scheinwerfer. Es gleicht einem funkelnden Palast. Warme Rottöne und strahlende Gesicherter lassen den Raum erleuchten. Ein Paar beobachtet das Geschehen von einer Art Hochbett aus.

Auf dem Weg zum Grünen Floor erreichen wir einen Zwischenraum, der durch eine Flügeltür betreten wird. Es rekelt sich eine Gruppe auf einem Latex bezogenen Bett. Sie werden von einem scheinbar Fremden mit Zigaretten und Drinks durch den, das Bett umrandenden Käfig gefüttert. Eine Flügeltür weiter erreichen wir den Vorraum des Grünen Floors.
Zwei in schwarz gekleidete Männer tanzen fast marschierend auf einem Podest. Passend zur Musik schreibt eines ihrer T-Shirt's „God Bless This Acid House“. Auf der Tanzfläche warten alle schon gespannt auf den Star das Abends. Es ist heiß, die Nebelmaschine arbeitet auf Hochtouren und man kann nur mit Mühe seinen Nächsten sehen. Alles was durchscheint ist ein, die Farbe wechselndes, Leuchtschild mit der Aufschrift „Savour The Moment“ und einem Smartphone-Verbotszeichen.

 
 
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Etwas später als angekündigt erscheint endlich Craig Adams aka. DJ Assault.
Der gebürtige Detroiter, der bereits 1995 seine erste Veröffentlichung als Mitbegründer des Subgenres Ghetto-Tech feierte und durch seine Hybrid DJ Sets bekannt ist. Eine Mischung aus Scratch, Vocals und peitschenden Beats.
Wie könnte man es auch anders erwarten, eröffnet er sein Set mit einem kurzen Monolog: „Who likes Fritz Cola?“. Eine Neuentdeckung die er beim Artistdinner für sich machte und die ihn anscheinend noch immer bis zu seinem Set verfolgt. Innerhalb weniger Sekunden bricht Jubel auf der Tanzfläche aus und einige erwidern seine Frage mit vereinzelten „Fritz Cola“-Schreien. Diesen Enthusiasmus kann man wahrscheinlich einem Anflug von Lokalpatriotismus zuzuschreiben. Denn Fritz Cola kommt schliesslich aus Hamburg, was ja fast um die Ecke ist. Eine Stunde später springen dreihundert Menschen im Takt und schreien mit, während Craig seinen wahrscheinlich größten Hit durch das Mikro singt: „Lets have sex on the beach, playin' in the sand, just you an' me, hand in hand, come on“. Das Energielevel könnte bei der Geschwindigkeit der Musik und dem Gegröle der Gäste kaum größer sein. Trotz ausgiebiger Suche ist weit und breit kein Smartphone zu sehen.

 
 
 
 
 
 

Über die Tanzfläche, an der Bar und einigen weiteren dubios beleuchteten Räumen voller unwirklicher Szenarien vorbei gelangt man zum Absinth Raum. Hier ist es heller als in den anderen Räumen, hochwertige Longdrinks gehen über die Theke und ein altes Klavier steht in der Ecke. Es hat den Charme eines alten Saloons. Ungefähr fünfzig gut gelaunte Menschen tanzen zu den Best-ofs aus Funk, Soul und Disco. Auch vereinzeltes Feedback hört man immer wieder:„Es ist toll dass sich alle nur auf die Musik konzentrieren und nicht immer an ihrem Handy hängen. Ich war lange nicht mehr auf einer Party mit so einer tollen Stimmung“.

Wahrhaftig, die Stimmung ist sehr ausgelassen und alle scheinen Spaß zu haben. Immer wieder findet man vereinzelt „Instagram-Stars“ die Selfies knipsen wollen, doch schnell weisen aufmerksame Gäste auf das Motto der Party hin.

Um 08:30 Uhr beendet der lokale DJ und Radio Host Natureboy Gold den im Erdgeschoss liegenden Schwarzen Floor mit dem 1987 veröffentlichten Hit „Always On My Mind“ der Pet Shop Boys. Trotz der inzwischen wieder aufgehenden Sonne sind die feierwütigen Tänzer nicht zu müde um die Party in das Obergeschoss zu verlegen. Dort angekommen und noch immer mit dieser letzten Hymne im Ohr tauchen sie in das verbleibende Set des londoner Multitalent Ghost Culture ein. Dieser in den letzten Jahren durch seine vielseitigen Produktionen bekannt gewordene Künstler, ließ es sich auch nach seinem bereits drei Stunden andauernden Set nicht nehmen noch eine Schippe drauf zu setzen.

 
 
 
 

 

Nachdem anderthalb Stunden später auch dieser Floor geschlossen wird, tummeln sich die übrigen 200 unermüdbaren Partygäste nun auf der letzten verbleibenden Tanzfläche. Hier übernimmt der Wahlberliner Philipp Schultheis den Schluss. Jeder der noch immer nicht nach Hause möchte kann jetzt noch einmal alles geben. Obwohl das geplante Ende bei 12 Uhr Mittags angesetzt war, spielt Philipp noch bis 16:30 Uhr. Eins ist ziemlich sicher: nach diesem 7 Stunden Marathon kann selbst der härteste Raver nicht mehr stehen.

Am Ende des Abends kann man mit Sicherheit behaupten, dass nicht nur der Veranstalter sonder auch die Künstler und Gäste ihr Bestes zu diesem neuen Safespace beigetragen haben. Blickt man auf den Ethos von Savour The Moment, so ist es auf jeden Fall ein gelungener Auftakt mit viel Potential für bewussteres Feiern. Sicher ist jedoch auch, dass solch ein Bewusstsein im Allgemeinen nicht nur durch gute Partynächte und ein Smartphone-Verbot geweckt wird. Hier muss schlussendlich jeder für sich selbst entscheiden wie er seine Nutzungsdauer einteilt. Man kann allerdings nicht bestreiten, dass an diesem Abend eine besondere Dynamik zwischen allen Anwesenden und ihrem Umfeld entstand.